Gesicherte Strukturen für Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren

Soziale und berufliche Integration von Jugendlichen

Die Wünsche junger Menschen sind recht ähnlich. Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, ein Teil der Gesellschaft sein und Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. All das eint sie. Doch der Start ins Berufsleben könnte oft nicht unterschiedlicher sein.

Viele junge Leute erkunden die Welt - nach dem Abitur, um vor dem Studium eine Auszeit zu nehmen, zur Selbstfindung oder einfach, um mal etwas Neues kennenzulernen

Und da sind dann noch die anderen Jugendlichen, die keine Auszeit nehmen können. Sie müssen sich mit massiven Alltagsproblemen auseinandersetzen. Viele Jugendliche hatten aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Religion bisher keine Chance im Bildungssystem. Die verschiedenen Einrichtungen der Jugendberufshilfe sind für viele Jugendliche deswegen wichtige Anlaufstellen, an denen auf den besonderen Förderbedarf eingegangen wird.

Jugendberufshilfe

Seit über 30 Jahren werden in Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren hilfsbedürftige Jugendliche bei der beruflichen und sozialen Integration unterstützt. Mit vielfältigen Angeboten fördert die Diakonische Jugendhilfe junge Menschen, die Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in das Berufsleben haben. Auf die unterschiedlichen Lebenssituationen der jungen Frauen und Männer gehen die Fachkräfte behutsam ein, um mit Hilfe eines breiten Angebotes von Maßnahmen, die berufliche und persönliche Entwicklung positiv zu fördern.

So werden in Pro-Aktiv-Centren sozial benachteiligte junge Menschen durch individuelle Einzelfallhilfen unterstützt. Ziel ist es, Jugendliche zu befähigen, ihren Lebensalltag eigenständig bewältigen zu können und ihre Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern.

Die Jugendwerkstätten der Diakonie in Niedersachsen stellen die größte Trägergruppe unter den niedersächsischen Jugendwerkstätten dar. Sie sind eng in die Planung und Entwicklung der Jugendberufshilfe auf Landesebene, in den Regionen und auf kommunaler Ebene eingebunden und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung bei der sozialen und beruflichen Integration von benachteiligten Jugendlichen.

Einige Jugendwerkstätten haben sich beispielsweise auf die Förderung erwerbsloser Frauen fokussiert. Die jungen Frauen lernen unterschiedliche Berufsfelder, wie z.B. das Handwerk, die Gastronomie oder den Bereich Mediengestaltung kennen und sehen, wie das reale Berufsleben aussehen kann. Durch kleine Teams können persönliche Anliegen und Fragen zur Berufsplanung in einem geschützten Rahmen besprochen werden. Die Erkenntnis, mit Problemen nicht allein zu sein, schafft Solidarität in der Gruppe. So ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Anleiterinnen und den pädagogischen Fachkräften möglich.

Gefährdete Finanzierung der Jugendwerkstätten

2019 war ein sehr politisches Jahr für die Jungendwerkstätten in Niedersachsen. Die Finanzierung war gefährdet.

Seit über 30 Jahren fördert das Land Niedersachsen Jugendwerkstätten in Niedersachsen und setzt dabei zur Finanzierung Gelder des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF) ein. Die Förderung der Europäischen Union (EU) läuft Ende 2020 aus. Der Brexit (Austritt des Vereinigten Königsreichs aus der EU) ist beschlossen. Daher ist für die neue Förderperiode mit erheblich weniger Mitteln im Europäischen Sozialfonds zu rechnen. Das Sozialministerium hatte angekündigt, eine Lösung zur Finanzierung der Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren bis Mitte des Jahres 2019 zu erarbeiten. Auch wenn die Lösungen auf sich warten ließen, das Sozialministerium wurde aktiv. Weitere Fördermöglichkeiten zur Finanzierung der Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren ab 2021 wurden geprüft und eine Finanzierung bis Mitte 2022 auf den Weg gebracht. Wie die Finanzierung ab Mitte 2022 aussehen wird, ist aber weiter unklar.

Um auf die wichtige Arbeit in den Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren aufmerksam zu machen, fanden unter dem Motto „Jugendberufshilfe am seidenen Faden...?" im März 2019 zahlreiche Aktionen statt. Hierzu haben die Einrichtungen der Jugendberufshilfe ihre Arbeit pressewirksam in der Öffentlichkeit präsentiert. Jugendliche haben Politiker*innen in ihre Jugendwerkstätten eingeladen. Sie sprachen mit ihnen über ihre Träume und Ziele, um zu zeigen, dass sie teilhaben und sich in die Gesellschaft einbringen wollen. Ein Höhepunkt war der Flashmob vor der Markthalle in Hannover, an dem Jugendliche aus verschiedenen Jugendwerkstätten teilgenommen haben.

Neue Herausforderungen

Seit März 2020 wird die Arbeit von der Corona-Krise dominiert. Die Schließung der Jugendwerkstätten hat vor allem die Gruppe der benachteiligten Jugendlichen stark getroffen. Die Bildungsungleichheit in Niedersachsen wird hierdurch verstärkt.

Über die Probleme bei der Digitalisierung in der Bildung, die Schwierigkeiten beim Übergang vom Schul- ins Berufsleben oder die Sicherung von Jugendwerkstätten durch das Land Niedersachsen - darüber wird nicht viel gesprochen. Die Corona-Krise zeigt, wie viel Geld in die Zukunft investiert werden kann. Und sie zeigt uns, der Mensch steht im Mittelpunkt. Wir brauchen auch Investitionen in systemrelevante Strukturen, in Jugendwerkstätten und Pro-Aktiv-Centren. Das ist gut angelegtes Zukunftskapital.

 

Text: Matthias Kreimeyer

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